Warum Führung vielleicht weniger über Zeit und mehr über Intensität nachdenken sollte.
Eine Sache, die man im Ausdauersport ziemlich schnell lernt, ist:
Eine Stunde ist nicht gleich eine Stunde.
Als Triathlet lernt man schnell, dass eine Stunde lockeres Grundlagentraining und eine Stunde an der Schwelle fahren, 60 Minuten Training bedeuten, ABER…
Für den Körper sind es zwei vollkommen unterschiedliche Belastungen. Deshalb steuern wir Training nicht nur über Zeit. Wir denken in Intensitäten. In Belastungszonen. In Erholung. Und in Schwellen. Genau das hat mich über Leadership nachdenken lassen…
Zeit versuchen wir seit Jahrzehnten zu optimieren:
Kalender strukturieren.
Meetings reduzieren.
Prioritäten setzen.
Deep-Work-Blöcke schaffen.
Aufgaben delegieren.
Optimieren wir damit die falsche Einheit?
60 Minuten sind nicht 60 Minuten
Nehmen wir zwei Termine. Eine Stunde reguläres Projektupdate. Und eine Stunde, in der eine Führungskraft entscheiden muss, ob sie sich von einem langjährigen Mitarbeiter trennt Beides blockiert im Kalender exakt 60 Minuten. Der Anspruch und die damit einhergehende Belastung ist vollkommen unterschiedlich.
Dasselbe gilt für Strategiearbeit, Konflikte, Verhandlungen, Restrukturierungen, schwierige Entscheidungen oder Situationen hoher Unsicherheit. Die Arbeit von Führungskräften besitzt unterschiedliche Intensitäten. Ich würde sogar behaupten, dass Mitarbeiter aus der Produktion zum Beispiel, sich dieser Realität teilweise besser bewusst sind. Und trotzdem behandeln viele Kalender diese Arbeit, als sei Zeit die relevante Belastungsgröße.
Niemand würde einen Trainingsplan ausschließlich danach beurteilen, wie viele Stunden trainiert wurden. Wir würden wissen wollen: Wie intensiv wurde jeweils trainiert?
Leaders have a threshold
Im Ausdauersport beschreibt die Schwelle vereinfacht einen Bereich, in dem erhöhte Belastung über einen gewissen Zeitraum stabil verarbeitet werden kann. Darunter kann ich lange arbeiten. Es existiert etwas Vergleichbares in Leadership. Nicht als exakt messbarer Laktatwert. Sondern als persönliche Leistungsgrenze:
Bis zu welcher Intensität kann ich kognitiv und emotional arbeiten und gleichzeitig noch die Qualität meiner Entscheidungen erhalten?
Nutzen wir eine diagnostische Perspektive darauf, lässt sich beobachten: Ein voller Kalender ist nicht zwangsläufig das Problem. Und ein leerer Kalender bedeutet nicht automatisch Leistungsfähigkeit. Vielleicht entsteht ein Teil dessen, was wir als Management Overload beschreiben, dadurch, dass wir Belastungsintensität nicht unterscheiden.
Fünf Stunden moderater Arbeit können vollkommen unproblematisch sein. Drei Stunden hochintensiver Entscheidungen hintereinander möglicherweise nicht. Der Unterschied liegt nicht in der verfügbaren Zeit. Er liegt in der Beanspruchung des Systems. Das kennen wir aus dem Sport längst.
Wir würden niemals mehrere maximale Einheiten täglich aneinanderreihen und anschließend feststellen, der Athlet müsse sein Zeitmanagement verbessern. Wir würden den Trainingsreiz verändern.
Leadership needs intensity control
Vielleicht gehört deshalb zu moderner Leadership eine Fähigkeit, über die wir erstaunlich wenig sprechen: die eigene Intensität zu steuern. Zu erkennen:
Wann brauche ich maximale Aufmerksamkeit? Welche Entscheidungen verlangen meine beste kognitive Kapazität? Welche Aufgaben können mit niedriger Intensität erledigt werden? Wann arbeite ich nahe meiner persönlichen Threshold? Wann überschreite ich sie bewusst? Und mit am wichtigsten: Wann brauche ich Recovery, bevor die nächste wichtige Entscheidung ansteht?
Das Ziel wäre nicht, Belastung zu vermeiden. Im Gegenteil. Training funktioniert durch Belastung. Entwicklung braucht Intensität. Aber Spitzenleistung entsteht nicht dadurch, dass jede Einheit maximal wird. Sie entsteht durch die Fähigkeit, Belastung gezielt einzusetzen.
Stop managing only time
Zeit bleibt eine knappe Ressource. Aber sie erklärt erstaunlich wenig darüber, wie leistungsfähig wir innerhalb dieser Zeit tatsächlich sind. Die möglicherweise wichtigere Ressource ist die Fähigkeit, die richtige Intensität zum richtigen Zeitpunkt erzeugen zu können. Damit verändert sich auch die Vorstellung eines guten Führungstages.
Nicht:
Wie viel habe ich geschafft?
Sondern:
Wo habe ich meine höchste Leistungsfähigkeit eingesetzt?
Und:
War ich in den entscheidenden Momenten noch entscheidungsfähig?
Im Sport trainieren wir genau dafür. Nicht um permanent maximale Leistung zu bringen. Sondern um zu wissen, wann wir sie abrufen müssen.
Know your zones.
Know your threshold.
Manage your intensity.
Not just your time.