WM-Kolumne: Emotionen zulassen, die Realität anerkennen
Was Norwegen nach dem WM-Aus von sich zeigt
Nach dem 1:2 gegen England war Norwegens Weltmeisterschaft beendet.
Im Viertelfinale. Nach Verlängerung. Nach einer Führung. Nach einem Turnier, in dem die Mannschaft unter anderem Brasilien geschlagen und ein ganzes Land neu für den Fußball begeistert hatte. Es war Norwegens erste WM-Teilnahme seit 1998 und das beste Abschneiden des Landes bei einer Weltmeisterschaft.
Trainer Ståle Solbakken kämpfte nach dem Spiel mit den Tränen. Nach Norwegens WM-Aus gegen England war die Enttäuschung sichtbar. Doch die Reife eines Systems zeigt sich nach der Niederlage.
Trainer Ståle Solbakken nach dem WM-Aus
Trainer Ståle Solbakken
Solbakken hätte über unglückliche Entscheidungen, verpasste Chancen oder äußere Umstände sprechen können. Stattdessen gratulierte er dem Gegner, stellte sich vor seine Mannschaft und sagte sinngemäß:
So ist das Leben. Jetzt müssen wir erst einmal durchatmen.
Enttäuscht, aber nicht respektlos. Emotional, aber nicht unsachlich. Stolz, ohne die Niederlage schönzureden. Vielleicht zeigt sich genau darin echte Stärke:
Nicht jede Niederlage muss sofort erklärt, relativiert oder in einen Erfolg umgedeutet werden.
Man kann verlieren. Und dennoch klar sehen, was auf dem Weg entstanden ist.
Niederlagen bedrohen unser Selbstbild und das der Organisation
Wer viel investiert hat, möchte glauben, dass sich dieser Einsatz auszahlt. Wer Verantwortung trägt, möchte zeigen, dass die eigenen Entscheidungen richtig waren. Deshalb beginnen Menschen und Organisationen nach Rückschlägen häufig damit, sich selbst zu schützen.
Der Markt war noch nicht bereit.
Die Mitarbeitenden haben die Veränderung nicht angenommen.
Die Umstände waren außergewöhnlich.
Solche Erklärungen können richtig sein. Problematisch werden sie, wenn sie vor der eigentlichen Analyse stehen. Bevor verstanden wird, was passiert ist, wird verteidigt, wer man war. Norwegen zeigte eine andere Reaktion:
Die Niederlage wurde NICHT zum Gegenbeweis der eigenen Entwicklung erklärt.
Das Ergebnis beendete das Turnier. Es löschte nicht die gewachsenen Fähigkeiten, die gemeinsamen Erfahrungen und das neue Selbstvertrauen.
Lernen, ohne alles infrage zu stellen
In Organisationen beobachten und erfahren wir nach Rückschlägen nur zwei Reaktionen: Entweder wird beschönigt oder alles wird verworfen.
Ein Projekt verfehlt sein Ziel und plötzlich war die gesamte Idee falsch. Die Entwicklung stockt und sofort wird nach dem nächsten Modell gesucht. Ein neues Geschäftsfeld entwickelt sich langsamer als erwartet und wird beendet, bevor die Organisation überhaupt lernen konnte, es richtig zu führen.
Lernfähige Systeme können unterscheiden:
Was war eine falsche Annahme? Was wurde schlecht umgesetzt? Was hat bereits funktioniert? Welche Fähigkeit ist trotzdem entstanden? Was müssen wir verändern, ohne alles zu verwerfen?
Eine gute Analyse sucht nicht nach Schuldigen. Sie schützt aber auch nicht vor unbequemen Erkenntnissen.
Wir haben verloren ist etwas anderes als: Wir sind gescheitert. Organisationen, die jede Niederlage als Identitätskrise erleben, werden vorsichtig. Sie sichern Verantwortung ab, vermeiden Risiken und stimmen Entscheidungen so lange ab, bis niemand mehr persönlich mit ihnen verbunden werden kann.
Sie lernen nicht aus Niederlagen.
Sie lernen, Niederlagen zu vermeiden.
Und damit auch Entwicklung.
Erst durchatmen. Dann entscheiden.
Trainer Solbakkens Satz enthält aus meiner Sicht auch noch eine zweite wichtige Botschaft:
Jetzt müssen wir erst einmal durchatmen.
Nach Rückschlägen soll Führung meist sofort Antworten liefern. Ein neuer Plan, eine neue Strategie, eine klare Botschaft. Doch nicht jede schnelle Reaktion ist Klarheit. Manchmal ist sie nur der Versuch, die entstandene Unsicherheit nicht aushalten zu müssen.
Regeneration ist kein Gegenstück zu Leistungsfähigkeit. Sie ist eine ihrer Voraussetzungen.
Auch Organisationen brauchen Abstand, bevor sie aus Erfahrungen lernen können. Nicht als Wellnessmaßnahme, sondern damit aus einem Ereignis überhaupt Erkenntnis entstehen kann. Wer unmittelbar die nächste Initiative startet, nimmt vielleicht die Aktivität mit. Aber nicht unbedingt das Learning.
Die Reife eines Systems
Siege erzeugen Energie. Niederlagen zeigen, worauf ein Team wirklich gebaut ist. Beginnt die Suche nach Schuldigen? Wird Verantwortung weitergereicht?
Wird das bisher Erreichte plötzlich klein geredet? Oder kann das System gleichzeitig Enttäuschung, Selbstkritik, Stolz und Zuversicht tragen? Die Reife eines Systems zeigt sich nicht darin, dass es niemals verliert. Sie zeigt sich darin, was nach einer Niederlage erhalten bleibt:
Respekt. Klarheit. Lernfähigkeit.
Gemeinsame Richtung.
Wahre Stärke besteht nicht darin, jede Niederlage zu verhindern.
Sondern darin, dass eine Niederlage das System nicht kleiner zurücklässt.
DANKE Norge.